Juni 29, 2020

Digitale Demokratie: Gar nicht ganz so einfach.

Von Staehelin

Es ist inzwischen alltäglich, Bahn- oder Flugtickets per Handy zu kaufen, Hotelzimmer “auf dem Weg“ online zu buchen, den Tisch fürs Abendessen mobil zu reservieren.  Die „Digitalisierung“ von Marken und Kundenkontakt  gelingt inzwischen ganz selbstverständlich. Digital konsumieren funktioniert, jedoch gibt es einen ausgeprägten Nachholbedarf an „digitaler Kultur“ in Gesellschaft, Staat und Wirtschaft. Die Einsicht in das eigene Unvermögen ist gering ausgeprägt. Das zeigt sich in zwei Richtungen: Wir überschätzen unsere digitale Kompetenz sowohl als “aufgeklärte, mündige” Bürger*innen als auch als Wirtschaftsakteure und Serviceanbieter*innen. Auf der anderen Seite fürchten wir uns vor der “unsichtbaren Gefahr” und finden uns in einer Art „Double Bind Situation“ wieder: als Bürger*innen und als Handelnde und Verantwortliche in Unternehmen und Institutionen. Wir sind weder mental-emotional, noch kognitiv-intellektuell, noch konzeptionell auf die digitale Transformation und ihre Wirkung auf unsere gesellschaftliche Ordnung und demokratische Verfassung vorbereitet.

Die Digitalisierung des Lebens wird unterschätzt…

.. und das im Guten, wie im Schlechten. Wir verstehen ihre tatsächlichen Auswirkungen noch nicht. Die potentiellen Wirkungen von Automatisierung, Algorithmen und Vernetzung liegen außerhalb des Erfahrungs-Horizonts. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben so bleibt, wie wir es kennen. Gerade im politischen Bereich wird gerne interpoliert („schnellere Pferdekutschen“), statt sich um disruptive Nebenwirkungen zu sorgen (selbstfahrende Autos in Uber-ähnlichen Strukturen). Das liegt weniger am intellektuellen Unvermögen, als am Unbehagen, mit Unbestimmtheit umzugehen. Klarheit und Transparenz, sowie Orientierung und Verlässlichkeit sind jedoch die nötigen Größen, die Bürger*innen und Mitarbeiter*innen erwarten können sollten und brauchen. Das ist in der altbekannten Weise und in zunehmend vernetzten Gesellschaften nicht mehr ohne Weiteres zu leisten. Marketing und PR, Basta-Politik und „Expertokratie“ treten an Stelle von Reflexion, Diskussion und Exploration. Die Forschung über Entscheidungsfindung und Verhaltensökonomie bestätigt jedoch: Das ist keine wirklich gute Lage, um kluge Entscheidungen zu treffen.